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Anlegen mit Herz und Verstand

5. Juni 2014

Kapitalmarktforum rückt Behavioral Finance in den Mittelpunkt

„Sell in May and go away“ lautet eine der bekanntesten Börsenweisheiten. Das häufig bemühte Bonmot will wissen, dass Aktienkurse in den ersten Monaten des Jahres oft besser laufen als im Sommer. Und rechtzeitig, bevor das Börsengeschehen womöglich wieder unruhiger wird, richtete der Studiengang BWL-Bank der DHBW Mosbach sein zweites Kapitalmarktforum aus. Hochkarätige Referenten gaben sich ein Stelldichein zum Thema „Behavioral Finance in der Anlagepraxis“. Der Forschungsansatz der Behavioral Finance rückt das tatsächliche Verhalten von Anlegern an den Finanz- und Kapitalmärkten in den Mittelpunkt. Dabei fließen psychologische und soziologische Aspekte ein. Über 130 Besucher, darunter zahlreiche Studierende, Absolventen, Lehrbeauftragte und Vertreter aus der Bankpraxis erfuhren zwar nicht, ob es sich lohnt Börsenweisheiten zu folgen, dafür Grundlegendes zu Behavioral Finance, Altersvorsorge und technische Analyse der Börsenkurse.

„Wir haben spannende Vorträge zum Thema gehört und die Zuhörer haben sicher einiges mitnehmen können“, so Organisator und Studiengangsleiter Prof. Wolf Wössner. „Besonders freut mich, dass unter den Referenten mit Sophia Wurm eine Absolventin der DHBW Mosbach ist.“

Ausflug in die Anlegerpsyche

Eröffnet wurde der Vortragsreigen von Prof. Dr. Rolf Daxhammer von der ESB Business School an der Hochschule Reutlingen mit einer gleichermaßen faszinierenden wie eingängigen Darstellung der noch jungen Disziplin „Behavioral Finance“ , die das Verständnis, wie Kapitalmärkte und Kapitalanleger „funktionieren“, inzwischen nachhaltig verändert hat. Warum wir Anleger den Erfolg unserer Wertpapieranlagen gerne im Hinblick auf unseren Kaufkurs beurteilen und meist Aktien heimischer Provenienz bevorzugen, wurde ebenso deutlich wie die Antwort auf die Frage, weshalb wir uns von „Gewinneraktien“ schnell trennen, während wir unsere Verlustbringer nach dem „Prinzip Hoffnung“ im Depot behalten. Prof. Dr. Daxhammer verwies aber auch auf die Grenzen des derzeitigen Erkenntnisstands, nachdem die Aussagen der Behavioral Finance bislang noch nicht in ein geschlossenes Theoriegebäude zusammengefügt werden konnten. Abschließend zeigte er die derzeit vielversprechendsten künftigen Forschungsansätze auf. Diese zielen darauf ab, durch neurowissenschaftliche Methoden noch besser zu verstehen, was im Gehirn des Kapitalanlegers im Zuge seiner Entscheidung vor sich geht. Prof. Dr. Daxhammer ist Mitverfasser des Standardwerks „Behavioral Finance“.

Altersvorsorge: Beim Sparen den „inneren Schweinehund“ überlisten

Der zweite Referent, Hans-Jörg Naumer, Global Head of Capital Markets & Thematic Research bei Allianz Global Investors, beleuchtete das Thema von der praktischen Seite. Mit unserer menschlichen Natur stehen wir uns bei finanziellen Entscheidungen oft genug selbst im Weg, mit überaus gravierenden Konsequenzen, etwa im Hinblick auf die Altersvorsorge. „Behavioral Finance“ kann gewissermaßen als Wegweiser für eine „clevere Selbstüberlistung“ dienen! Ein paar Kostproben: Mehr Auswahl und Vielfalt an Vorsorgemöglichkeiten erhöht nicht etwa die Bereitschaft zur Vorsorge, sondern vermindert sie. Zuviel Vielfalt hemmt unsere Entschlusskraft. Wir verstehen zwar, dass wir für unsere Altersvorsorge sparen müssen, tun dies jedoch nur widerwillig, denn gesparte Gelder können wir nicht ausgeben. Hans-Jörg Naumer zeigte auf, wie wir aus diesem Dilemma herauskommen. „Überlisten“ können wir uns, indem wir uns heute entscheiden, einen Teil der künftigen Gehaltserhöhung für die Altersvorsorge beiseite zu legen. „Morgen mehr sparen!“ – Erfahrungen in den USA zeigen, dass dieses einfache Rezept wirksam greift.

Aktien bleiben das Nonplusultra

Sophia Wurm, Technical Analyst in der Investment Banking-Einheit „Corporates & Markets“ der Commerzbank AG, beleuchtete im dritten Vortrag Trends und Perspektiven an den Kapitalmärkten. Die technische Analyse hat zum Ziel, die Richtung der Börsen aus dem sich entfaltenden Kursgeschehen heraus abzuleiten. Das Verhalten der Anleger treibt die Kapitalmärkte und hinterlässt seine Spuren. „Kein Rauch ohne Feuer“ – so lässt sich dies kurz gefasst auf den Punkt bringen. Für Sophia Wurm bietet die Aktienanlage derzeit nach wie vor die besten Perspektiven – einfach weil überzeugende Alternativen fehlen. Gold hat seinen langjährigen Glanz verloren, die Renditen von bonitätsstarken Staatsanleihen liegen real im Minus und die Zinsaufschläge für Risikoanleihen so mager wie vor der Finanzkrise. Aktien hätten zwar bereits kräftige Zuwächse hingelegt, jedoch stiegen auch die Gewinne und daher seien die Aktien keineswegs überteuert. Da die Aufwärtstrends an den führenden Märkten intakt sind, vermutet Wurm weiteres Aufwärtspotenzial, wenn auch nicht mehr in der bisherigen Dynamik. 10.500 Punkte traut die Analystin und DHBW-Absolventin dem DAX im Jahresverlauf zu. Die Kunst der richtigen Anlage besteht für sie aber in erster Linie in der richtigen Selektion. Wer liegt vorne? Diese Frage stellt sich nicht nur im europäischen Marktvergleich, wo die Referentin dem spanischen mehr zutraut als dem deutschen, sondern auch innerhalb einzelner Branchen. Im Nahrungsmittelbereich zieht sie hier beispielsweise das Schwergewicht Nestlé gegenüber dem heimischen Primus Südzucker vor. 

Literaturhinweise

Rolf J. Daxhammer / Máté Facsar: Behavioral Finance, Konstanz München 2012.

Hans-Jörg Naumer: Überliste Dich selbst! - Erkenntnisse der Behavioral-Finance-Theorie für die Praxis der Anlageberatung, S.167 - 189. In: Herbert Berger / Michael Legner (Hrsg.): Anlageberatung im Privatkundengeschäft, Frankfurt am Main 2011.