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Banken im digitalen Wandel

4. Oktober 2016

Fachtagung des Studiengang BWL - Bank

Hochkarätige Vertreter von FinTechs, Technologiegiganten und Banken nahmen im Audimax der DHBW Mosbach den rasanten Strukturwandel in der Bankbranche ins Visier. Zur Fachtagung "Banken im digitalen Wandel" hatte der Studiengang BWL - Bank der DHBW Mosbach Ende September geladen.

Die Finanzbranche steht derzeit zahlreichen Herausforderungen gegenüber, wie dem anhaltend niedrigen Zinsumfeld, einer verschärften Regulierung und massivem Kostendruck. Eine sich weiter verstärkende Herausforderung stellt die fortschreitende Digitalisierung dar. Der digitale Wandel hin zu mehr Vernetzung und Transparenz hat veränderte Kundenbedürfnisse zur Folge. Banken müssen bei digitalen Technologien und mobilen Kommunikationsformen Schritt halten – ansonsten besteht die Gefahr, dass Wettbewerber und branchenfremde Anbieter die Bedürfnisse der Bankkunden besser und/oder kostengünstiger erfüllen. Die exponentiell steigende Geschwindigkeit bei der Entwicklung neuer Technologien und die daraus resultierende notwendige Anpassungsfähigkeit der Geschäftsmodelle erfordern ein schnelles Handeln der Banken.

Welche Faktoren den digitalen Wandel in der Bankbranche voran treiben, welche digitalen Fortschritte die Banken und Sparkassen inzwischen schon erzielen konnten und wie Geschäftsmodelle in der Zukunft aussehen: All das wurde beim 4. Banken- und Finanzmarktforum des Studiengangs BWL - Bank der DHBW Mosbach von hochkarätigen Experten, Beobachtern und Treibern der digitalen Entwicklung in der Finanzbranche diskutiert. Insgesamt ließen sich 130 Gäste aus der Finanzbranche von den Vorträgen inspirieren und zeigten sich sehr angetan vom Konferenzprogramm.

„War es der Mensch oder die Maschine?“

Was haben ein Analystenkommentar zu einem gerade veröffentlichten Quartalsergebnis, ein Zeitschriftenartikel über ein Erdbeben im Pazifik, ein Gedicht im Feuilleton einer Zeitung und ein Bild aus der Werkstatt von Rembrandt gemeinsam? Alle vorgestellten Beispiele sind nicht von Menschenhand gefertigt, sondern von eigens dafür konstruierten Algorithmen. Mit der Frage: „War es der Mensch oder die Maschine?“ zum jeweiligen Bild hatte Thomas F. Dapp von Deutsche Bank Research seinen Auftaktsvortrag begonnen und damit heiße Diskussionen und wechselnde Mehrheiten im Meinungsbild des Publikums ausgelöst. Thomas Dapp beobachtet schon seit 2008 die digitalen Entwicklungen in der Finanzbranche und darüber hinaus. Er ist damit der „Experte der ersten Stunde“, der den Wandel, so rasant er auch ist, als einen ganz normalen wirtschaftlichen Vorgang ansieht, in dem getreu dem Schumpeter´schen Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ der Wettbewerb letztlich die besten Lösungen für den Kunden erzwingt. „Neues verdrängt Altes“, und mit dem Einzug neuer Technologien vollzieht sich das in atemberaubendem Tempo und mit größter Wucht.

Bei vielen Bankern genießt Dapp geradezu Kult-Status, denn er erläutert die Neuerungen nicht nur, sondern ordnet sie in auch in sein digitales Evolutionsmodell gibt eine Einschätzung zu ihren Perspektiven – nicht jeder Hype wird gleich zum Trend. In seinem Vortrag beleuchtete Dapp die Macht und das Potenzial der neuen, intelligenten Algorithmen und stellte danach die große Stärke der Technologiegiganten heraus: ihre Fähigkeit, Daten, die wir Nutzer ihnen überlassen, sehr wirksam zu Geld zu machen. Dies hat freilich eine Kehrseite, die nicht auf den ersten Blick deutlich wird – unsere Daten werden quasi verkauft, ohne dass wir wissen, wohin, zu welchem Zweck und wie die Datenreise von dort weitergeht. Der Experte sieht die Banken vom Grundsatz her sehr gut positioniert: auch sie verfügen über sehr viele Informationen über die Kunden und kennen z.B. deren Zahlungsverhalten. Dieser Schatz werde jedoch kaum genutzt, freilich nicht um die Daten zu vermarkten, sondern um dem Kunden bessere Produkte anzubieten. Ganz anders als bei den großen Datensammlern bliebe hier alles in den Systemen der Bank. Den Trumpf des sorgsamen Umgangs mit anvertrauten Daten gelte es noch viel stärker auszuspielen, so der Rat von Thomas Dapp an die Banken. Die Banken müssten zudem offene Schnittstellen anbieten. Damit können attraktive Fintech-Lösungen, die das bankeigene Angebot passgenau ergänzen, praktisch sofort realisiert werden. Auf diese Weise werden sich erfolgreiche Banken selbst zu digitalen Plattformen entwickeln.

Depots „im virtuellen Echtbetrieb“

Welchen FinTech kennen Sie? Stellt man hierzulande den Finanzprofis und nicht etwa den Anlagelaien diese Frage, so liegt wikifolio.com mit großem Abstand an der Spitze: Vier von fünf Häusern kennen den Start-Up von 2011, der zweitplatzierte FinTech bringt es hier nur auf die Hälfte. Dabei ist wikifolio.com eine Plattform, auf der sich ganz überwiegend Privatpersonen tummeln. Stefan Greunz, Head of Business Development, war eigens aus Wien angereist, um dieses Haus vorzustellen, das inzwischen schon eine führende Stellung im Zertifikatemarkt der Börse Stuttgart einnimmt.

Das Geschäftsmodell ist im Prinzip ganz simpel: Es verbindet die Leidenschaft für die Börse mit der Philosophie des Web 2.0, nämlich Ideen zu publizieren und zu teilen. Wer meint, an der Börse über „das richtige Händchen“ zu verfügen, kann sich auf der Plattform registrieren lassen, um dort sein Depot „im virtuellen Echtbetrieb“ zu führen. Gekauft und verkauft wird also erst einmal nicht mit wirklichem Geld, aber die Software vollzieht die Entscheidungen in Echtzeit zu Börsenkursen nach und das Ergebnis ist sofort für jeden Betrachter sichtbar. Anschauen kann sich diese Depots oder „wikifolios“ nämlich jedermann. Wer ein wikifolio angemeldet hat, kann seine Einschätzungen auf der Plattform kundtun oder seine Entscheidungen begründen. Der Clou daran: Bei genügend Nachfrage legt der Kooperationspartner Lang & Schwarz ein Indexzertifikat auf, das die Wertentwicklung des wikifolios exakt und in Echtzeit nachvollzieht. Dieses Produkt wird an der Börse gelistet und kann von jedermann erworben werden.

Konnten früher also nur Banken Kapitalmarktprodukte auflegen, so kann das inzwischen jeder – sofern er nur ein wenig Resonanz bei den Anlegern findet. Durch die Größe der Plattform wird die Sache zunehmend auch für die Profis interessant, etwa um sich Bekanntheit bei den Anlegern zu verschaffen oder seine Anlagestrategie darzustellen und laufend kommentierend zu begleiten. Gerade auch Studierende, die eine Karriere im Asset Management anstreben, errichten ihre eigenen wikifolios auf der Plattform, so Stefan Greunz. Dadurch arbeiten sie am Aufbau eines „Track Records“ und können dadurch z.B. durch „harte Fakten“ überzeugen, denn anders als beim Back Testing gibt es durch die Transparenz keine Möglichkeit zu „mogeln“, in dem etwa die Transaktionszeiten zur „Schönung“ der Ergebnisse ein wenig verschoben werden.

Bitcoin – die digitale Münze

 „Bitcoin“ – sinngemäß „digitale Münze – ist die berühmt-berüchtigte Währung des Internet, insbesondere jener dunklen Seite, die unter dem Namen „Darknet“ bekannt ist. Was macht Bitcoins dort so begehrt? Bitcoins werden nicht wie im normalen Zahlungsverkehr über die Banknetze geleitet, sondern sowohl anonym als auch sicher von Rechner zu Rechner. Die Übertrag P2P erfolgt zwar nicht in Echtzeit, aber dafür kann sich der Empfänger einer solchen, um einige Minuten verzögerten, Übertragung nach Eingang der virtuellen Geldeinheiten gewiss sein, dass dieser Vorgang unumstößlich ist. Das eigentlich interessante ist aber gar nicht die Bitcoin, so Jürgen Lang von IBM, sondern die dahinter verborgene Technik. „Blockchain“ heißt das Zauberwort, das in der Tat ganze neue Welten in den Bereich des Möglichen rückt.

Wenn es bislang um die sichere Aufbewahrung bzw. den Nachweis von bedeutenden Vermögenswerten geht, spielen zentrale Einrichtungen, die staatlichen Schutz genießen oder staatlich reguliert sind, die entscheidende Rolle. Geld- und Depotkonten oder auch Grundbücher und Patentregister sind Verzeichnisse, die besonders abgeschirmt sind und dadurch Sicherheit versprechen. Die Blockchain funktioniert radikal anders: Sicherheit wird z.B. dadurch erreicht, dass der Datensatz auf möglichst vielen Ordner gespeichert wird. Sollte ein Datensatz auf einem einzelnen Server geändert werden, fällt dies sofort auf, denn jetzt unterscheidet er sich von der Masse. Obwohl die Datensätze selber vollständig offenliegen und für jedermann sichtbar sind, ist das Ganze aber dennoch anonym, da die Daten verschlüsselt sind. Die Bankbranche, aber auch Deutsche Börse, interessieren sich ganz besonders für die neuen Möglichkeiten und haben bereits erste Gehversuche unternommen. Abwicklungsprozesse ließen sich stark verschlanken und verkürzen, so dass hier ein großes Effizienzpotenzial liege, so Jürgen Lang, der Geldhäuser bei solchen Projekten begleitet.

Beratung von Finanzinstituten auf ihrem Weg in die Digitalisierung

Menlo Park, Cupertino und Mountain View sind schöne Orte in der Nähe von San Francisco, aber mit ihrem Namen verbinden die allermeisten natürlich etwas ganz anderes: es sind die Firmensitze von Facebook, Apple und Alphabet, der Konzernmutter von Google. „iOS oder Android“ – die Rivalität der beiden Platzhirsche um das erfolgreichere Betriebssystem findet im gleichen Maßstab auch an der Börse statt: Die beiden Giganten ringen auch hier um die Trophäe der wertvollsten Aktie der Welt. Nach einem kurzen Abrutscher auf Platz 2 hat der Release des i-Phones 7 Apple wieder an die Spitze getragen. Salvatore Pennino, der für Google Finanzinstitute auf ihrem Weg in die Digitalisierung berät und begleitet, erläuterte zunächst die Philosophie und die Herangehensweise des Suchmaschinenherstellers an Probleme, derer man sich annimmt. 20 Prozent der Arbeitszeit stehen quasi zur freien Verfügung, man kann sich dabei beliebigen Projekten widmen, die mit dem eigenen Arbeitsgebiet auch nicht entfernt zu tun haben müssen.

Auf diese Weise sei z.B. die Autocomplete-Funktion entwickelt worden, die Pennino gleich vorführte: Bei der Eingabe von „DHBW Mosbach“ schlägt die Suchmaschine den besten Treffer vor, noch ehe die Eingabe beendet ist. Danach wird am meisten gesucht. Für DHBW Mosbach lautete bei seinem Versuch der Folgebegriff „Zimmerbörse“ woraus er den Schluss zog, dass der Wohnraum hier anscheinend knapp sei. Für seinen Geschmack seien Banken viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ob ein Problem groß oder klein ist, das entscheiden für ihn die Kunden, die die Probleme der Bank nicht interessieren würde. Ganz anders bei Google: wenn sich jemand vertippt, einen falschen Suchbegriff eingibt oder überhaupt nicht weiß was er suchen soll, dann sei dies das Problem von Google und nicht des Kunden, so Pennino.

Wachstumsstrategie und Kostenmanagement

Die Rahmenbedingungen für Banken sind und bleiben auch acht Jahre nach der Lehman-Pleite schwierig. Für kurze Anlagefristen sind die Zinsen bestenfalls noch knapp über der Nulllinie, jedenfalls für Privatkunden, während Banken und Großanleger drauflegen, wenn sie Geld parken wollen. Auch die längerfristige Anlage bringt nur wenig mehr. Dazu rollt seit Jahren eine Regulierungswelle über die Branche hinweg. Michael Mandel, Vorstand mit Zuständigkeit für das Privatkundengeschäft der Commerzbank AG, rechnet nicht mit einer baldigen Entspannung im Umfeld, ganz im Gegenteil. Und dennoch blickt er optimistisch in die Zukunft. Während mehr und mehr Kreditinstitute hierzulande ihr Heil in Kostensenkungsprogrammen suchen, verordnet er seiner Sparte eine Wachstumsstrategie. Mehr Kunden, mehr Geschäft und mehr Ertrag auf der einen und ein stringentes Kostenmanagement auf der anderen Seite sollen die Profitabilität im Privatkundengeschäft weiter stärken.

Dieses Vorhaben mag ambitioniert klingen, aber Michael Mandel ist ein Mann für schwierige Fälle: Das im Zuge der Fusion der Commerzbank mit der Dresdner Bank ins Minus gerutschte Privatkundengeschäft hat er als Bereichsvorstand wieder zurück auf die Erfolgsspur geführt – trotz des besonders heftigen Gegenwinds. Die Commerzbank gewinnt seit der Trendwende kontinuierlich Kunden – knapp 1 Million Kunden seit 2012 – und die der Bank anvertrauten Vermögen wachsen ebenfalls. Damit der hierdurch bewirkte Trend zu wieder steigenden Gewinnen weiter anhält, setzt er stark auf die Digitalisierung. Wer glaubt, damit blase Mandel ins Horn derer, die das Ende der Bankfiliale kommen sehen, täuscht sich jedoch gründlich: Er bekannte sich in Mosbach ausdrücklich und mit aller Entschiedenheit zur Filiale. Da und dort müsse man in Einzelfällen tatsächlich über eine Zusammenlegung nachdenken, etwa dort wo Filialen noch in unmittelbarer Nähe zueinander liegen. Auf der anderen Seite habe und werde man künftig neue Filialen eröffnen, nach den branchenweit beachteten Flagships in Berlin und Stuttgart ist man bald auch in der Hamburger Hafencity vertreten. Die Digitalisierung betrachtet er als Chance, um individueller auf Kunden zugehen und Prozesse vereinfachen zu können. Die Bank überlasse die Wahl des Kommunikationskanals ganz dem Kunden, er kann auch nach Belieben zwischen ihnen wechseln, ohne dass der gesamte Prozess neu gestartet werden muss. Demnächst komme eine neue, einheitliche Plattform für Online Banking, Kundencenter und Filialen; damit hätten Berater die gleiche Benutzeroberfläche am Front-End wie der Kunde Zuhause.

Mandel zeigte auf, über welche digitalen Angebote die Bank schon heute verfügt. Dabei war er voll des Lobes für Paydirekt, der „ersten gelungenen Gemeinschaftsaktion der deutschen Kreditwirtschaft seit Einführung der ec-Karte“. Zwar hätte auch er sich gewünscht, dass alles etwas schneller geht, aber am Ende zähle das wirklich überzeugende Ergebnis. An die zahlreichen Vertreter aus Sparkassen und Volksbanken im Publikum gewandt bekundete Michael Mandel in der regen Diskussion ausdrücklich die Bereitschaft und den Willen zur institutsgruppenübergreifenden Zusammenarbeit auch auf anderen Gebieten, wo „Wettbewerb wirklich keinen Sinn macht“, etwa bei der Gestaltung des Produktinformationsblatts. So rückt die Branche unter dem Druck von außen anscheinend ein Stück weit enger zusammen. Michael Mandel ist es gelungen, die Zuhörer von Beginn an in seinen Bann zu ziehen – zum einen, weil er Klartext redet, zum anderen und vor allem wegen seines Bekenntnisses zur Vorwärtsstrategie. Sollte es der Commerzbank gelingen, die Lasten der Krise durch Wachstum endgültig hinter sich zu lassen, wäre dies auch ein wichtiges Signal für die Branche insgesamt. Insofern mag insgeheim auch mancher Wettbewerber Mandel auf diesem Weg ein wenig die Daumen drücken.