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Wirtschaft und Wissenschaft müssen sich digitaler Herausforderung stellen

17. Juni 2016

9. Schlossgespräche am Campus Bad Mergentheim der DHBW Mosbach

"Wir können viel, müssen aber schneller werden“, auf diesen kurzen Nenner kann die Botschaft des Arbeitswissenschaftlers Prof. Dr. Wilhelm Bauer an Wissenschaft und Wirtschaft im Land gebracht werden. In seinem Impulsvortrag bei den 9. Schlossgesprächen im Deutschordensschloss hob er vor allem die digitale Herausforderung hervor.

In den Schlossgesprächen präsentiert der Campus Bad Mergentheim der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Mosbach in Kooperation mit der Stadt Bad Mergentheim und der IHK Heilbronn-Franken herausragende Persönlichkeiten, die aktuelle Themen aus Wirtschaft, Politik und Kultur aufgreifen. Eingangs begrüßte als Gastgeber Prorektor und Campusleiter Prof. Dr. Seon-Su Kim die Gäste von Wirtschaft, Hochschule, Politik, Schule und Institutionen im Roten Saal.

Prof. Dr. Gabi Jeck-Schlottmann, Rektorin der DHBW Mosbach, freute sich über die „gelebte Dualität“ Zusammentreffen von Wirtschaft und Wissenschaft bei dieser Veranstaltung. Die Rektorin betonte die Wichtigkeit, den ländlichen Raum zu stärken: "1500 der 3600 Studierenden sind bei 400 Dualen Partnern in der Region beschäftigt - ein starker Beitrag zur Stärkung des ländlichen Raumes durch Personalentwicklung und Förderung der Wirtschaftskraft."

Der Präsident der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, Prof. Arnold van Zyl, der gleichzeitig seinen Antrittsbesuch bei der DHBW Mosbach machte, drückte die Hoffnung aus, „dass wir durch unsere Impulse in den Regionen unseren unmittelbaren Mehrwert als DHBW unter Beweis stellen.“ Mit ihren zwölf Standorten im Land spiele die Hochschule auch eine wichtige sozialpolitische Rolle: „Wir bringen junge Menschen vor Ort in den tertiären Bildungsbereich und halten sie damit auch in der Region.“

Die Hochschullandschaft müsse in der Region weiter ausgebaut werden, forderte Christof Geiger, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Bad Mergentheim. Er wies auf das regionale Kompetenzzentrum Logwert hin, das zum Ziel habe, die Region zum „Real-Labor“ auszubauen.

Oberbürgermeister Udo Glatthaar bezeichnete Bad Mergentheim als „starken Hochschulstandort, der klein, aber fein ist.“ Mit DHBW-Campus und neuer Jugendtechnikschule habe man schon ein echtes Zukunftslabor. Der Campus sei Rückgrat für Unternehmen und eine Bereicherung für Bad Mergentheim und die Region. „Wir wollen ihn gemeinsam stärken und ausbauen.“

Wilhelm Bauer, geschäftsführender Leiter am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart, gab Einblick in eine Zukunft, die längst begonnen hat: Industrie 4.0, Wissensarbeit 4.0, Smart Services und Mobility Innovations waren seine Stichworte. Über allem aber stehe das Thema „Daten“ in einer immer digitaleren Welt.

Die Herausforderungen für Land und Kommunen seien riesig: Bauer nannte Überalterung, zunehmenden Fachkräftemangel, Abwanderung, Schulschließungen, rückläufigen Nahverkehr und fehlendes kulturelles Leben – wobei er seinen Eindruck wiedergab, „dass es hier bei Ihnen signifikant anders ist.“ Gleichwohl seien auch im ländlichen Raum die Probleme sichtbar, „vielleicht nur in anderer Qualität.“

Während in der Region die digitale Gesellschaft bereits gut aufgestellt sei, hinke die digitale Wirtschaft hinterher. Cloud computing, Internet der Dinge, Industrie 4.0 und eine völlige Aufkündigung bisheriger Geschäftsmodelle bringen „große Veränderungen“, die laut Bauer aber auch riesige Chancen für das künftige Wirtschaftspotential bieten. Wer die Verbindung zu seinem Kunden nicht verlieren will, brauche eigene Geschäftsmodelle und müsse plattformbasierte Wertschöpfung à la Amazon und Google auf sich übertragen.

„Wir sind immer noch gut“, postulierte Bauer hinsichtlich Innovationskraft, Forschung und Entwicklung. Auch bei den Patentanmeldungen stehe Baden-Württemberg noch an dritter Stelle in Deutschland, „aber bitte in Zukunft auch Patente in der digitalen Welt.“ „Nicht schlecht“ innerhalb Deutschlands sei der Unternehmergeist im „Ländle“, weltweit dagegen „lange nicht gut“, vor allem im Vergleich mit der Startup-Szene im kalifornischen Silicon Valley.

Forschung, Wissenschaft und Unternehmen seien gut beraten zu interagieren – und sie müssten dies im ländlichen Raum genauso machen, könnten es vielleicht sogar besser: „Kleinere Strukturen sind agiler und können sich schneller anpassen“. Interaktionsformen müssten gestärkt, mit spezifischeren Angeboten junge Leute über die Wirtschaft adressiert werden, riet Bauer zu einem Regionalmarketing mit modernen Themen.

Seon-Su Kim verglich die DHBW mit einem „kleinen, agilen Projektteam“, das bereit und offen sei, zum Silicon Valley der Region zu werden. „Man muss uns nur mal los laufen lassen.“

In der folgenden Podiumsdiskussion, moderiert vom Technik-Dekan der DHBW Mosbach, Prof. Dr. Max Mühlhäuser, betonte Ministerialdirektorin Simone Schwanitz vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, die Wichtigkeit der regionalisierten Hochschulpolitik für den Fachkräftenachschub. Digitalisierung, auch in der Lehre, und Gründungskultur wolle die Politik „stark voranbringen“.
Durch die eng verknüpfte Struktur von Hochschule, Wirtschaft sowie sozialen und kommunalen Einrichtungen könne sich die DHBW vom Ausbildungs- zum Wissens- und Innovationspartner weiterentwickeln, sagte DHBW-Präsident Prof. Arnold van Zyl. Wie wichtig dies ist, unterstrich Dr. Bauer hinsichtlich der „Transformation in den Köpfen“ beim Ingenieurstudium an Hochschulen: „Wir müssten schon mehr gemacht haben.“ Dazu gelte es, einfach auch mal mutig zu sein, ganz im Geiste der Gründerkultur. „Die Hochschulen haben da alle Freiheit der Welt“, ergänzte Ministerialdirektorin Schwanitz ermunternd.

Thomas Böer, Geschäftsführer der Diabetesklinik in Bad Mergentheim, stellte auf die Frage nach „Medizin 4.0“ fest, dass ihn vor allem das Thema „Big Data“ umtreibe. „Wir haben unheimlich viele Daten und es fehlen Tools, diese Daten auszuwerten.“ Digitale Plattformen drängen auch in die Medizin, stellte Wilhelm Bauer fest. „Auch bei Ihnen muss Big Data gemacht werden.“ Arnold van Zyl stimmte zu: „Wir müssen neu nachdenken, wie wir mit Daten umgehen.“ Die DHBW, warb er, könne schnell und flexibel auf Unternehmensbedürfnisse eingehen. Innovation brauche Talent, Technologie und Toleranz. Wissenschaft und Kulturförderung, ist er sicher, wird zur Innovation beitragen. Das Schlusswort vor inspirierenden Gesprächen beim Büffet gehörte Seon Su Kim: „Wir sind mutig, bereit, offen und besitzen eine hohe Toleranz.“