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Industrie 4.0: Unternehmen brauchen Unterstützung

19. Mai 2017

DHBW-Professor im Interview

Prof. Dr. Christian Kuhn, Studiengangsleiter für Elektrotechnik an der DHBW Mosbach, erläutert im Interview mit dem IHK-Magazin Rhein-Neckar, wieso Industrie 4.0 insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen immer wichtiger wird und was diese bei der Umsetzung beachten müssen.

Herr Prof. Dr. Kuhn, der Industriestandort Baden Württemberg scheint geradezu prädestiniert für die Umsetzung von Industrie 4.0. Was sind die Ursachen für dieses gute Umfeld?

Baden-Württemberg ist das ‚Land der Tüftler und Denker‘, und sicher hat unsere Region Standortvorteile für eine erfolgreiche Umsetzung der Gedanken um Industrie 4.0. Weltmarkführer und ‚Hidden Champions‘ in Automobil-, Anlagen- und Maschinenbau treffen auf High-Tech-Firmen und Software-Unternehmen sowie eine Vielzahl von Dienstleistern. Aber insbesondere auch die Forschungs- und Ausbildungslandschaft ist einzigartig: Neben den großen und innovationsstarken Universitäten und Forschungseinrichtungen gibt es eine Vielzahl von Hochschulen, die den großen Bedarf dieser Unternehmen an sehr gut ausgebildeten Ingenieuren und Informatikern decken. Die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) als größte Hochschule des Landes trägt einen wesentlichen Teil dazu bei, hochqualifizierte Mitarbeiter für die digitale Transformation praxisnah auszubilden.

Welche Branchen oder Bereiche haben denn das größte Zukunftspotenzial und wie kann es genutzt werden?

Alle Branchen sind betroffen, und gleichzeitig verschwimmen die Grenzen der Branchen – der klassische Maschinenbauer wird durch die Konzepte und Technologien von Industrie 4.0, Internet der Dinge und Dienste sowie die ‚Service Economy‘ zum High-Tech-Unternehmen. Gleichzeitig steigt bereichsübergreifend der Softwareanteil an der Wertschöpfung und in allen Produkten. Die digitale Transformation – die Transparenz, Steuerung und Überwachung aller Unternehmensprozesse durch betriebliche Informationssysteme – betrifft alle Bereiche und Unternehmen jeder Größe. In diesem Zusammenhang spricht man von der ‚OT/IT-Konvergenz‘. Diese Verschmelzung von Operational Technology – das klassische Ingenieurwesen also – und Informationstechnologie (IT) ist eine große Herausforderung der Zukunft für alle Bereich der Industrie.

Ist das Bewusstsein für die Bedeutung der Industrie 4.0 überhaupt schon in den Unternehmen angekommen?

Ja, sicher – dafür haben die Verbände und die Politik gesorgt und die Medien haben dies übernommen. Die Unternehmen sind sensibilisiert, aber es herrscht eine große Unsicherheit: wie gehe ich das Thema an? Welche Konzepte, Systeme und Technologien existieren und sind praxisreif? Was muss ich tun, damit ich nicht abgehängt werde? Bereits im Jahr 2014 hat die IHK Rhein-Neckar zusammen mit der DHBW Mosbach die erste Informationsveranstaltung zum Thema Industrie 4.0 durchgeführt, seitdem hat sich viel getan. Aber gerade die KMU haben noch Nachholbedarf.

Welche Chancen sehen Sie in der Industrie 4.0 für KMU?

Die Digitale Transformation bringt große Chancen für KMU – aufgrund ihrer Größe und Flexibilität haben Sie sogar Vorteile im Vergleich zu Großunternehmen. Neue Produkte und Dienstleistungen können schnell in den Markt gebracht werden, Prozessänderungen und neue Wege im  Informationsmanagement sofort angegangen werden. Allerdings fehlen vielen Firmen die Kapazitäten, Erfahrungen und Expertise für innovative Ansätze im Umfeld Industrie 4.0 – deshalb müssen wir alle (Verbände, Organisationen, Forschungseinrichtungen, Hochschulen) die KMU besonders unterstützen.

Wie wird die Industrie 4.0 die Hochschulwelt verändern und wie stellt sich die DHBW Mosbach darauf ein?

Die Veränderung ist in vollem Gange. Die DHBW Mosbach hat sich sehr früh auf die neuen Anforderungen eingestellt. Schon im Jahr 2013 entstand eine ‚Digitale Fabrik‘, mit vielen Konzepten und Technologien der Initiative Industrie 4.0 und einem darauf aufbauenden Seminar. Begleitet wurde dies durch neue und erweiterte Lehrangebote in den Studiengängen Informatik, Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen sowie einem internationalen Semester (International Program in Engineering). Viele Studierende der DHBW haben schon einen interaktiven Labor-Tag in verschiedenen Rollen eines volldigitalisierten Unternehmens erlebt und umfangreiche Erfahrungen, aber auch Anregungen mitgenommen und können zukünftig als Wissens-Multiplikator in ihrem Unternehmen agieren. Durch Studienarbeiten wird die Digitale Fabrik stetig erweitert, sie ‚lebt‘ und wird dauernd mit neuesten, aber praxisreifen Konzepten und Technologien ausgebaut. Auch der Duale Master an der DHBW wird aktiv ausgebaut, speziell für die Anforderungen von Industrie 4.0 wurde der Masterstudiengang ‚Integrated Engineering‘ initiiert und seit 2015 angeboten. Aktuell planen wir die Erweiterung des Lehrangebots im Bereich Data Science, Smart Service  und Machine Learning.

Wie sieht Ihrer Meinung nach der Ingenieur 4.0 aus?

Es wird keine Standardvorlage für den ‚Ingenieur 4.0‘ geben – klar ist aber, dass Interdisziplinarität, fachübergreifende Kompetenzen und Affinität zur Informationstechnologie und Informationsmanagement für alle Ingenieure wichtiger wird. Sicher ist aber auch, dass es natürlich auch weiter Ingenieure als Fachexperten in den jeweiligen Bereichen geben muss und wird.

Welche 3 Tipps haben sie für ein Unternehmen das sich dem Thema Industrie 4.0  stellen will?

  1. Starten Sie klein und überschaubar. Suchen Sie gezielt in ihrem Portfolio der Produkte und Dienste nach Punkten, die Ihnen aktuell Sorgen bereiten und deren Innovationsgrad gering ist. Gehen Sie die Herausforderung an und beginnen Sie sofort!
  2. Schauen Sie auf Ihre technischen und organisatorischen Abläufe und Prozesse und verbessern diese durch Einsatz passender Informationssysteme und Technologien – diese Lösungen müssen nicht unbedingt komplex und sofort hochintegriert sein. Ein typisches Beispiel kann die Einführung einer maschinellen Istdaten-Erfassung oder eine automatische Identifikation durch Barcode- oder RFID-Technologien sein. Und ganz wichtiger Faktor: Binden Sie ihre Mitarbeiter in die Informationsprozesse ein!
  3. Holen Sie sich Unterstützung – viele Organisationen, Verbände und Hochschulen bieten Hilfe und Dienstleistungen an. Die Plattform Industrie 4.0 ist eine guter Startpunkt.

Prof. Dr. Christian Kuhn

Studiengangsleitung Elektrotechnik

christian.kuhn(at) mosbach.dhbw.de 06261 939-540 Detailansicht

Nächster Termin

Der nächste Austausch zwischen Hochschule, IHK und Unternehmen zum Thema Industrie 4.0 findet am

19. Juni 2017 an der DHBW Mosbach

unter dem Titel "Industrie 4.0 - Umsetzung in kleinen und mittleren Unternehmen" statt.